Sonntag, 17. September 2006
Fort Gibraltar - Vive la Compagnie!
Der Palisadenbau, auf den Britta und ich an diesem Sonntag zusteuern, sieht nicht unbedingt wie die Touristenattraktion Nr. 1 aus: relativ klein, relativ unspektakulaer und vor allem - keine Besucher!
Der Touristenfuehrer sagt, dass es dort Fuehrungen gibt, fuer 4$. Vier Dollar fuer die sechs kleinen Huetten, die sich im Innern befinden? Nein danke! Zu diesem Zeitpunkt scheint klar, dass sich der lange Fussmarsch hierher nicht gelohnt hat. Als ich schon den Ausgang im Visier habe, spricht uns ein verkleideter Mann aus einer Huette hervorspringend an, ob wir uns das Fort ansehen wollen. Ehe ich dankend ablehnen kann, hat Britta schon zugesagt. Wir bekommen die Information, dass wir das Geld beim 'Kaufmann' in der naechsten Huette zu entrichten haben. Dort erwartet uns ein ebenfalls verkleideter Herr aelteren Jahrgangs, der sehr freundlich wirkt. In 'seinem' Laden, der voller verschiedenartiger Tierfelle ist und darueber hinaus beschriftete Leinenbuendel (bundles), ist er gerade dabei, den beiden einzigen anderen Besuchern den Unterschied der Felle zu erklaeren. Als wir ihm etwas spaeter mitteilen, dass wir gerne eine Fuehrung machen moechten, schaut er zunaechst irritiert und meint daraufhin, dass er jemanden holen koenne, der uns die Bedeutung der Huetten erklaert. Mir haengt ein imaginaeres Preisschild wie eine Warnung vor meinen Augen: 4$, darunter mit Graffiti: Abzocke! Eine innere Stime versucht letztmalig, mich verzweifelt zur Raison zu bringen: "Raus hier - schnell! Fuer 4 Dollar kannst Du immerhin einen halben Liter Bier trinken." Aber mein Anstand ist staerker. Also bleibe ich. Nun denn. Mein Enthusiasmus wird abermals auf die Probe gestellt, als der freundliche alte 'Kaufmann' erstmal den Prospekt konsultiert, um herauszufinden, was er uns denn eigentlich abknoepfen muss - sehr professionell das alles hier. Ich stelle mich darauf ein, dass es gar nicht mehr schlimmer kommen kann, just in dem Moment erscheint unser Tourfuehrer. Ein Mann mit irrem Blick und starkem franzoesischen Akzent (wir befinden uns im franzoesischen Viertel von Winnipeg), vielleicht 30 Jahre alt, der uns fragt, ob wir die Typen waeren, die sein Land vermessen wollen. Na super, denke ich, 4$ fuer einen Ramschladen und der Guide kommt direkt aus der Klapse, wahrscheinlich durch irgendeine ABM oder ein anderes staatliches Programm. Jetzt bin ich endgueltig bedient! Danke Britta! Tausend Dank!
Die naechsten eineinhalb Stunden sind die reine Freude. Um es vorwegzunehmen: Alle Akteure in dem Fort sind Hobby-Historiker, die ihre Kostueme zum grossen Teil selbst naehen und in ihrer Freizeit gerne so leben wie vor zweihundert Jahren. In einem gemuetlichen Gespraech nach der Tour ist auch auf einmal der Akzent des Guide verchwunden und wir erfahren, dass er eigentlich aus dem Theaterbereich kommt und einen Doppelabschluss an der Uni in Theaterwissenschaften und franzoesischer Literatur hat. Er und seine Kollegen leben ihre Rollen sehr originalgetreu und deshalb sehr eindrucksvoll. Die Tour, die wir vorher gemacht haben, ist locker 10$ wert. Ein gutes Beispiel, wie der erste aeussere Eindruck taeuschen kann!

Die Tour bietet einiges an Informationen ueber das Leben der ersten Siedler in Manitoba und in Kanada generell: (Achtung Kultur!)



Ein Teil des Forts


Zuerst ist zu erwaehnen, dass die Forts Eigentum der Handelsgesellschaften waren und deren Bewohner dort unter Vertrag standen. In einem Fort gab es ueblicherweise einen Kuafmann, einen Schmied sowie Herren- und Damenunterkuenfte. Der Kaufmann war neben dem Schmied aeusserst wichtig, denn er stellte die Kontaktmoeglichkeit zur Aussenwelt dar. So konnten die Pioniere nicht nur Waren bei ihm einkaufen, sondern ihm auch die Felle der gefangenen und erlegten Tiere, hauptsaechlich Biber, aber auch Fuechse und manchmal Baeren, verkaufen. Der Kaufmann hatte also die Funktion der 'Lebensader' und sein Laden war zentraler Punkt des Fort-Lebens (in doppeltem Sinn).
Der Schmied stellte allerlei Eisenwaren her, die fuer das taegliche Ueberleben notwendig waren. Neben Werkzeugen waren dies vor allem Haken, frueher von zentraler Bedeutung, (im musikalischen heute genauso ;-) ) und Ochsenhufen. Denn Pferde waren selten und so waren die Hauptnutztiere Ochsen. Dazu ist interessanterweise zu erwaehnen, dass man Ochsen nicht beschlagen kann wie Pferde. Wenn ein Ochse auf drei Beinen stehen soll, faellt er um. Also muss ein Ochse zum Beschlagen in die Hoehe gehieft werden. An dieser Stelle moechte ich kurz daran erinnern, dass es in den Forts nur einfache und relaiv kleine Holzhuetten gab. Die Phantasie sei an dieser Stelle angeregt.
Dann wurden in den Forts natuerlich Nahrung und Futter hergestellt: Heu und Getreide auf Feldern ausserhalb und Pemmican fuer die Traeger. Pemmican ist so eine Art Kraftfutter aus getrocknetem und zerstossenem Fleisch sowie Knochenmehl und viel, viel Fett. Ewig haltbar. Die Traeger, Voyageurs genannt, waren Kontraktarbeiter, die die Waren per Kanu oder zu Fuss (!) zu den Aussenposten der Handelsunternehmen brachten. Ein Kontrakt dauerte etwa drei Jahre, an deren Ende der Voyageur gut bezahlt wurde, die aber seine Gesundheit und sein Leben arg gefaehrdeten. Saemtliche Waren, d.h. auch Tiere oder z.B. der Amboss des Schmieds, wurden ja per in den Kanus oder zu Fuss transportiert. Der ueberwiegende Teil dieser Waren wurde zu Buendeln (bundles) in Leinentuechern verschnuert, die etwa die Ausmasse von zwei Kisten Bier hatten, dafuer aber etwa eineinhalb mal soviel wogen. Ich habe probehalber mal ein "Musterbundle" gehoben!
Nun hat jeder Vertragstraeger je nach seiner Koerpergroesse 3-5 von den Dingern tragen muessen, tage- oder wochenlang. Dass das neben Gelenk- und Rueckenproblemen noch hauefig zu Migraene fuehrte, lag daran, dass zum Tragen der bundles auch Riemen benutzt wurden, die ueber die Stirn fuehrten. Jemand, der also mehrere Kontrakte lang beschaeftigt war, hatte mitunter Verformungen seines Schaedels davon getragen und als Bonus fuer den Rest seines Lebens Kopfschmerzen.
Das war natuerlich noch nicht alles, was man als Voyageur an koerperlichen Andenken bekam. Durch die Hockstellung im Kanu, mit dem aeusseren Knie am Boden, war der aeussere Fuss enormen Belastungen ausgesetzt, denn er trug fast das ganze Koerpergewicht. Diese Belastung war frueher eine Moeglichkeit, um schwarze Fuesse, oder zumindest einen, zu bekommen. Oder die Zehenknochen verformten sich derart, dass der Nagel seitlich aus dem Fuss wuchs.
Von einem verlaengerten Arm durch das monotone Paddeln will ich jetzt nicht detaillierter berichten. Man moege einen Physiotherapeuten oder Mediziner oder Biologen oder sonst wen zu Rate ziehen, um Naeheres zu erfahren.

Wenn die Voyageurs aber soweit noch fit waren, war es haeufig ihr Ziel, eigenes Land in der Naehe des Forts zu besitzen. Denn ein Teil dr Bezahlung wurde durch Land beglichen. Die ehemaligen Voyageurs wurden dann Holzfaeller, Fallensteller oder Bauern und bauten Haeser und gruendeten Familien. Im Fort durften sie nicht bleiben, wenn sich nicht mehr unter Vertrag standen.

Das Fort Gibraltar gehoerte der Hudson Bay Company, der weltweit aeltesten noch heute existierenden Firma (gegr. 1670). Die Hudson Bay Company, einfach 'The Bay' genannt, unterhaelt auch heute noch viele Waren- und Kaufhaeuser, davon mehrere in Winnipeg.

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